
Es gibt Momente, in denen man auf etwas zurückblickt und denkt: Wie konnte ich damals wissen, wohin das führt?
Vor zehn Jahren habe ich meine erste Yogalehrerausbildung absolviert. Aus einer Laune heraus nannte ich mein Angebot „Kaiserinnen-Yoga" – halb mit einem Augenzwinkern, halb Hommage an meine Wahlheimat Bad Ischl, wo der Kaiser noch immer präsent ist und ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie er. Ich ahnte damals nicht, dass aus diesem spielerischen Namen ein stimmiges Konzept entstehen würde – und ein Weg, der mich tiefer zu mir selbst und in Verbindung mit dem Leben führt als alles, was ich zuvor kannte.
Dieser Beitrag ist kein Rückblick im üblichen Sinn. Er ist eine Einladung: Schau, was in zehn Jahren möglich ist. Nimm Dir, was Dich anspricht.
Schon als Kind stelle ich Autorität in Frage: Wenn Erwachsenen etwas von mir verlangten, wollte ich wissen warum. In der Schule rebellierte ich gegen Lehrer*innen, die Macht über Beziehung stellten. Im Studium irritierte mich, wie oft komplizierte Sprache mehr der Abgrenzung diente als echtem Austausch.
Lange bevor ich Yogalehrerin wurde, widmete ich mich der Nachhaltigkeitsforschung und Entwicklungszusammenarbeit – Themen, bei denen Werte wie Entfaltung des menschlichen Potentials, Selbstbestimmung und Ermächtigung, Freiheit und Verantwortung, Authentizität und Integrität sowie Disziplin nicht nur Begriffe waren, sondern gelebte Haltung. Ich war gut darin. Und ich war mit der Zeit auch erschöpft davon. Zumal Scham, Zorn und Traurigkeit angesichts von Ungerechtigkeit, Armut, Hunger, Krieg und Umweltzerstörung an der Tagesordnung waren.
Im Yoga gibt es einen Begriff, der mein damaliges Leben sehr präzise beschreibt: Tapas.
Es bezeichnet die innere Disziplin und Bereitschaft, Unbehagen auszuhalten und sich für Wandel zu engagieren – die transformierende Kraft des Durchhaltens.
Tapas ist Feuer: Es reinigt, es klärt, es treibt voran.
Was ich damals nicht wusste: Feuer ohne Mitgefühl brennt aus.
Ich wuchs mit dem Glaubenssatz auf: Nur die Harten kommen durch – und davon nur drei Prozent.
Als stolze Löwin hatte ich das verinnerlicht. Ich funktionierte. Ich leistete viel. Ich fand klare Worte, wo andere mit gesenktem Haupt schwiegen. Ich hielt Widrigkeiten stand – und nahm es am liebsten mit dem mächtigsten Mann im Raum auf.
Und ich zahlte einen Preis dafür, den ich lange nicht benennen konnte: Anspannung, Enge im Brustraum und innere Härte – ein Leben, das weit schwerer war, als es hätte sein müssen.
Leichtigkeit war etwas, das ich mir ersehntе – aber nicht wirklich erlaubte.
An manchen Erfahrungen zerbricht man – oder die Art, wie man bisher gelebt hat. Es war der Tod meiner Tochter, der alles veränderte.
Wer mehr davon lesen möchte, findet einen eigenen Blogbeitrag dazu. Damals gab es so gut wie nichts zu diesem Thema zu lesen, also schrieb ich darüber, um es zu verarbeiten und Betroffenen Orientierung zu bieten.
Was ich hier teilen möchte: Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Mitgefühl mit mir selbst empfand. Nicht als Konzept oder Technik. Sondern als unmittelbare Erfahrung – dieses Innehalten in bedingungsloser Liebe zu meinem Kind und mitten im Schmerz, das sagt: Du darfst so sein, wie du bist. Das hier ist zu viel. Und es ist menschlich, es kaum ertragen zu können.
In der Trauer fand ich Halt im Yoga – und schließlich meinen Weg zur Yogalehrerin.
„Kaiserinnen-Yoga" ist mit der Zeit etwas geworden, das ich anfangs so nicht geplant hatte. Inspiriert vom Buch Der Weg der Kaiserin von Christine Li und Ulja Krautwald entstand daraus mein eigener Zugang: die Kaiserin nicht als Herrscherin über andere, sondern als Frau, die aus innerer Autorität und Integrität – Satya – lebt. Die ihren eigenen Weg wählt – nicht weil ihr jemand gesagt hat, was sie tun soll, sondern weil sie gelernt hat, auf sich selbst zu hören. Die den Guru nicht außen sucht, sondern in sich selbst entdeckt.
Diese Kursbeschreibung formulierte ich nicht als erstrebenswertes, vollkommenes Ideal, sondern als Inspiration, in welche Richtung sich ein Leben entfalten kann:
Eine Kaiserin reflektiert ihre Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster. Sie stellt sich ihren Ängsten und lässt los, was nicht förderlich für sie und das Leben ist. Ihr Geist ist klar, friedlich und auf das Wesentliche fokussiert. Sie urteilt nicht und pflegt nährende Beziehungen. Eine Kaiserin sorgt gut für sich selbst und feiert das Leben in seiner Vielfalt. Sie spürt die Verbundenheit mit dem größeren Ganzen – und gibt sich gleichmütig dem Fluss des Lebens hin. Sie vertraut ihrer inneren Weisheit und entfaltet ihre schöpferische Kraft. Eine Kaiserin ist innerlich frei.
Kaiser*innen-Yoga richtet sich an Menschen, die nicht an einfache Heilversprechen glauben, sondern Verantwortung für ihr eigenes Wohl-Sein übernehmen wollen.
An Menschen, die spüren, dass ein Leben aus Funktionieren, Leistung und äußerer Anerkennung allein nicht trägt.
Und an alle, die sich nach mehr Verbindung, Wahrhaftigkeit, innerem Frieden und echter Lebensfreude sehnen – unabhängig von Geschlecht oder Lebensweg.
Gemeint ist Selbstwirksamkeit. Die Erfahrung: Ich fühle. Ich weiß – wenn auch nicht alles. Ich muss nicht. Ich kann. Ich vertraue mir.
Das ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann hat. Es ist eine tägliche Praxis – manchmal mühsam, manchmal schmerzhaft und mit der Zeit immer leichter. Genau darum geht es im Kaiserinnen-Yoga: nicht Perfektion, sondern Verbindung: mit dem Körper, dem Atem, den Emotionen und den eigenen Werten – und mit dem Leben.
Bevor ich auf die Bedeutung von Selbstmitgefühl eingehe, lohnt sich eine Unterscheidung häufig verwechselter Begriffe.
Selbstwert leitet sich aus der – oft unzutreffenden – Vorstellung ab, in Bereichen gut zu sein, die für uns Bedeutung haben. Es braucht den Vergleich, die Abgrenzung, manchmal die Abwertung anderer. Wer glaubt, ein besserer Mensch zu sein und eine Sonderbehandlung zu verdienen, bläht das Ego auf – und schiebt die Schuld für eigene Versäumnisse auf andere. Diese Selbsttäuschung erzeugt nicht nur Trennung und Isolation. Die Reaktion auf Enttäuschung und Kränkung ist besonders empfindlich und der Selbstwert stark von sozialer Anerkennung, bestimmten Ergebnissen oder Erfolgen abhängig. (Neff, 2012)
Selbstakzeptanz und Selbstliebe sind einen Schritt weiter – aber auch sie lassen andere Menschen außen vor.
Selbstmitgefühl geht tiefer. Es fragt nicht: Bin ich gut genug? – sondern: Wie gehe ich mit mir um, wenn es schwierig wird?
Es umfasst nach Kristin Neff drei Komponenten:
Achtsamkeit – wahrnehmen, was ist, ohne es zu dramatisieren oder wegzuschieben.
Bedingungslose Freundlichkeit sich selbst gegenüber – statt Kritik und Verurteilung.
Und das Gefühl der gemeinsamen Menschlichkeit – das eigene Leid nicht als persönliches Versagen oder als Bestrafung zu erleben, sondern als Teil des Menschseins. Zu wissen, dass Erschöpfung, Zweifel, Scheitern und Schmerz zum Leben gehören – Leiden hingegen entsteht, wenn wir die Dinge anders haben wollen, als sie sind.
Selbstmitgefühl bietet dieselben Vorteile wie ein hoher Selbstwert – Wohlbefinden, Freude, Optimismus – aber ohne dessen Schattenseiten: ohne Narzissmus, Vorurteile, Schuldzuweisung oder selbstgerechten Zorn. Es fördert die Motivation zur Veränderung bei einer ehrlicheren, klareren Vorstellung darüber, was zu verändern ist. Und es geht über Selbstakzeptanz hinaus, weil es Verbundenheit einschließt: mit anderen Menschen, mit der Mitwelt, mit dem Leben insgesamt.
Jahrzehnte des Selbsthasses und Perfektionismus liegen hinter mir. Das klingt hart – und das war es auch. Die innere Kritikerin, die nie zufrieden ist. Der Maßstab, der immer ein bisschen höher liegt als das, was gerade möglich – und auch nötig – ist. Die Überzeugung, dass Funktionieren Stärke beweist, das Leben anstrengend ist und Erschöpfung einfach auszuhalten sei.
Ich habe an mir selbst erlebt, wie wir uns mit gnadenloser Selbstkritik und Selbstverachtung emotionalen Schmerz zufügen – und genau das untergraben, was wir brauchen. Zahlreiche Publikationen – und mein Blick fiel unweigerlich auf einen Flüchtigkeitsfehler, den ich übersehen hatte. Unzählige Vortragseinladungen, gebannte Stille im Publikum – und innerlich ärgerte ich mich über die eine Wortwiederholung. Ein weiteres bewilligtes Projekt – und sofort mein Unmut über den enormen Verwaltungsaufwand.
Der Erfolg war für mich selbstverständlich. Unzulänglichkeit inakzeptabel.
Hinter meinem Intellekt fühlte ich mich sicher – dort konnte ich Distanz halten und meine verletzliche Seite verbergen.
Verglichen habe ich mich mit den Besten – die um vieles älter, erfahrener waren, in gesicherten Positionen, mit allem Rückenwind, den ich als junge Frau nicht hatte.
Heute weiß ich: Diese innere Strenge kostet mehr Energie als alles, wogegen ich kämpfte. Sie untergräbt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, von innen, still und kontinuierlich. Und sie hält genau die Nähe fern, die wir uns im Grunde am meisten wünschen.
Selbstmitgefühl hingegen aktiviert in uns Zustände von Ruhe, Sicherheit, Vertrauen, Großzügigkeit und Verbundenheit.
Der Yoga kennt vier Geisteshaltungen (bhavanas), die wir kultivieren können, damit dieses gute Gefühl nicht nur ein Gedanke bleibt, sondern aus dem Herzen kommt:
Freude (mudita), Mitgefühl (karuna), Gleichmut (upeksha) und Wohlwollen (maitri).
Die yogische Philosophie und die Haltung des Selbstmitgefühls haben mein Verhältnis zu Tapas grundlegend verändert. Disziplin ist noch immer ein Wert, der mich trägt. Aber sie brennt nicht mehr unkontrolliert. Sie wärmt. Und sie schenkt Kraft und Ausdauer – die von Begeisterung getragen sind.
Ich habe in den letztern zehn Jahren viel über den menschlichen Körper und Geist gelernt. Aber das Wesentlichste erfuhr ich nicht aus Büchern oder in Ausbildungen, sondern aus der Begegnung: mit mir selbst und mit den Menschen, die Woche für Woche in meine Kurse kommen.
Ich habe gelernt, dass Leichtigkeit kein Geschenk ist, das man bekommt – sondern etwas, das sich einstellen kann, wenn man aufhört, sich selbst im Weg zu stehen.
Dass Stärke und Sanftheit kein Widerspruch sind – ich verwende daher gerne den Begriff Sanftmut.
Dass ein selbstbestimmter Weg nicht der härteste sein muss, sondern der wahrhaftigste ist.
Und ich habe gelernt, dass Yoga ein ganzheitlicher Lebensweg ist, auf dem man lernt, sich selbst besser zu verstehen – und so auch anderen Menschen freundlicher, nachsichtiger begegnen kann.
Der Slogan, den ich mir ganz zu Beginn gegeben habe – noch bevor ich die yogischen Konzepte dahinter kannte – lautet:
Fühl Dich lebendig. Bleib gelassen. Geh souverän Deinen Weg.
Heute weiß ich: Das ist Satya, Tapas und Selbstmitgefühl in einem Satz.
Ich hatte die Wahrheit meines Weges gespürt, bevor ich die Sprache dafür hatte.
Und ich habe da auch schon so eine Idee, wohin das weiter führen kann…
Zehn Jahre Kaiserinnen-Yoga bedeuten für mich heute nicht, etwas erreicht zu haben. Sondern mir selbst treu zu sein und immer wieder neu zu üben: präsent und verbunden zu bleiben, sanftmütig und klar zugleich.
Am 20. Juni feiere ich dieses Jubiläum mit einem besonderen Yoga-Special. In der Traditionellen Chinesischen Medizin, an der ich meine Yogapraxis im Jahreszyklus ausrichte, ist die Sommersonnenwende der Höhepunkt der Feuer-Energie und Herzensqualitäten. Kein Zufall, dass Tapas – das innere Feuer der Transformation – genau hier seinen Platz findet.
Ich freue mich darauf, mit Euch gemeinsam in der Praxis zu spüren, was möglich ist, wenn Satya, Tapas und Selbstmitgefühl zusammenkommen – wenn das Feuer wärmt, statt zu verbrennen.