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DEIN LEBEN LEBEN

DEIN LEBEN LEBEN

Über vairagya & abhyasa, Courage, Freiheit und Verantwortung

Yoga zielt auf ein achtsames, sattviges Leben, also ein gesundes, friedvolles und glückliches Leben - es geht um Ausgeglichenheit, Leichtigkeit und innere Freiheit. Dafür braucht es einen liebevoll bewohnten Körper und einen ruhigen & klaren Geist. Was es bedeutet, den Yoga-Weg zu beschreiten, bewusst zu werden und sich selbst zu verändern, skizziert dieser Beitrag.

Meist leben wir fremdbestimmt im Außen, unterliegen vermeintlichen Sachzwängen und suchen gierig unser Glück in Ansehen, Geld, Macht, Sex und anderen Sinnesbefriedigungen. Dabei entfremden wir uns immer mehr von uns selbst und fühlen uns eines Tages unzufrieden, unglücklich, getrieben und gefangen, lieblos, sinnlos und leer. Wir können nun im Selbstmitleid bzw. in der Opferrolle verharren oder uns auf die Suche nach dem inneren Glück für ein stimmigeres, bewusstes & authentisches Leben machen. 

Folge Deinem Herzen

Ich muss dieses, ich soll jenes und ich kann doch nicht? Hinterfrage, was Du der Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe anderer wegen machst – und dabei Dein eigenes Sein missachtest? Reflektiere regelmäßig über Deine inneren Druckmacher und von außen übernommene Gedanken, Einstellungen & Gefühle über bzw. gegen Dich selbst. Es ist Deine Entscheidung, den Wünschen Anderer und gesellschaftlichen Konventionen zu folgen oder Dein Leben zu leben und Deinem Herzen zu folgen. 

Kleshas entmachten

In meinem Blogbeitrag über Kleshas habe ich mich mit der Wurzel unseres Leidens – der unklaren Wahrnehmung unseres Seins – und den daraus resultierenden leidbringenden Kräften in uns beschäftigt: unserem bewertenden Ego, drängendem Verlangen, unbegründeter Abneigung und tiefgreifender Angst. Die gute Nachricht ist, dass Du es selbst in der Hand hast, Dich nicht von Kleshas dominieren zu lassen und diesen weniger Raum zu geben. Allerdings reicht es nicht aus, diese einmal (an)zuerkennen und zu verstehen. Den negativen Einfluss der Kleshas zu minimieren, ist ein lebenslanger Prozess. Zuallererst geht es darum, Deine Gedanken und damit verbundene Gefühle bzw. Stimmungen und Körperempfindungen als solche zu erkennen und Dich nicht damit zu identifizieren. Werde Dir deren Eigendynamik bewusst und halte zunächst inne, anstatt unbewusst zu reagieren. Gelingt dies (noch) nicht, dann erkenne & reflektiere den Zusammenhang zwischen Deinem leidbringenden Verhalten und negativen Erfahrungen & Verletzungen, sowie Deinen Wunschvorstellungen & Erwartungen und nicht zuletzt Deinen Einstellungen & Urteilen. In einem nächsten Schritt wird es möglich, Deinen Geist & Deine Energie anders auszurichten und aus der Klarheit & der Tiefe Deines Herzen heraus zu handeln. Du kannst neue Gewohnheiten entwickeln und damit positive Erfahrungen sammeln – möglichst in einem förderlichen Umfeld. Da der wichtigste Nährboden der Kleshas ein unruhiger, zerstreuter, unklarer Geist ist, ist es sinnvoll, diesen zu beruhigen und auszurichten – und präsent zu sein. Meditation ist demnach der wirksamste Weg, die Kleshas zu entmachten. 

Mit Yoga eine positive Veränderung unterstützen

Über eine regelmäßige Yogapraxis kommst Du wieder in Kontakt mit Dir selbst, nimmst Deinen Körper & Deine Gefühle besser wahr und spürst, was Dir gut tut und was nicht. Reinigungsübungen (Kriyas) helfen Körper & Geist zu klären und die Qualität der Lebensenergie zu verbessern. Adäquate Körperübungen (Asanas) lösen Blockaden, verbessern den Energiefluss und fördern das Wohlbefinden. Atemübungen (Pranayama) wirken reinigend, belebend & harmonisierend und beruhigen die Gedanken und Emotionen. Pranayama bereitet Dich auf Übungen mit dem Geist vor: den Blick nach innen richten, Konzentration und Meditation. In Momenten wacher Ruhe und Achtsamkeit entsteht ein tieferes Verständnis & innere Klarheit. Anstatt Dich von Deinen wild hin- und herspringenden Gedanken beherrschen zu lassen, entwickelst Du mehr Gelassenheit, Ausgeglichenheit und Stabilität in schwierigen Situationen. Dafür übst Du beharrlich und geduldig eine kontinuierliche, ungeteilte Ausrichtung im Hier und Jetzt. Du entscheidest, worauf Du Deinen Fokus richten möchtest und verbindest Dich damit. 

Courage, vairagya und abhyasa

Natürlich erfolgt Deine Transformation nicht von heute auf morgen. Damit Deine Yoga-Praxis wirksam wird, braucht es Zeit, Durchhaltevermögen, Mut und eine bestimmte innere Haltung: stetes Bemühen & bewusstes, freudvolles Üben (abhyasa) unterstützt von einer gleichmütigen Haltung des Losgelöst- bzw. Frei-Seins (vairaga).

Werde Dir zunächst über Dein Ziel klar. Was willst Du wirklich? Wohin willst Du und welche positiven Eigenschaften, Fähigkeiten & Stärken bringst Du dafür mit? Richte Deinen Fokus nicht auf das was Du nicht kannst, nicht willst bzw. brauchst, sondern entwickle und stärke eine positive Ausrichtung auf etwas Wert- bzw. Sinnvolles. Werde aus Deinem eigenen Wunsch heraus aktiv und ergreife adäquate Maßnahmen. Reflektiere auf Deinem Weg regelmäßig ob beides noch stimmig für Dich ist; gegebenenfalls adaptiere entsprechend. Lass los was dabei nicht förderlich ist und wende Dich dem zu was Dir gut tut – das gilt für Dinge und Menschen gleichermaßen.

Dein Yoga-Weg bringt, wie alles Neue, Unsicherheit und ist nicht immer bequem & einfach, mitunter sogar sehr anstrengend. Du wirst Hindernissen begegnen und Fehler machen. Lass Dich davon nicht ablenken oder gar abbringen –  nimm die Herausforderungen an, lerne daraus und übe weiter. Keine Anstrengung ist umsonst, sondern ein Beitrag zu Deiner Entfaltung. Bleibe jedoch nicht in der Anstrengung stecken, sondern lass los und gib Dich dem Fluss des Lebens hin – konzentrierte Gelassenheit. In der Verbindung von vairagya und abhyasa erfährst Du Kraft in der Leichtigkeit.

Befreie Dich von Abhängigkeiten, Anhaftungen und Erwartungen; konzentriere Dich auf den Weg und Deine Handlungen, ohne Dich auf deren Ergebnisse auszurichten, also ohne Dich an (mögliche) Früchte Deines Handelns zu klammern. Das heißt nicht, dass Du ganz ohne Wünsche sein sollst. Wünsche sind Lebensenergie. Lass Dich aber nicht von Deinen Wünschen beherrschen. So kann jedes Alltagshandeln zum Übungsgegenstand werden (mehr zu Karma-Yoga in einem nächsten Beitrag).

Das Leben ist ein Abenteuer und voller Überraschungen. Ständig in Veränderung bringt es Ungewissheit & Unsicherheit. Dabei Angst zu haben, ist natürlich. Mut heißt nicht keine Angst zu haben, sondern sich nicht davon beherrschen zu lassen und trotz aller Ängste ins Unbekannte zu gehen, Neues zu wagen. Mut bedeutet, in jeder Situation wachsam zu bleiben und vom Herzen her zu leben. Angst, die Du akzeptierst, wird zu Freiheit. 

Die innere Freiheit, lebendig & Du selbst zu sein

Du kannst innerlich frei sein. Doch der Preis dafür ist, vollkommene Verantwortung zu übernehmen – für Deine Gedanken & Deine Gefühle, für Dein Tun, ebenso wie für Dein Nicht-Handeln. Schiebe Deine Verantwortung nicht länger auf andere Menschen bzw. die Gesellschaft, Wirtschaft, Politik oder Gott ab. Wachse in Deinem Bewusst-Sein und entscheide selbst über jeden Deiner Schritte.

Freiheit bedeutet allerdings nicht, alles zu tun was man möchte – dies ist vielmehr Verantwortungslosig­keit. Ebenso wenig ist es wahre Freiheit, frei von etwas bzw. von jemandem zu sein, dies ist von außen abhängige, negative Freiheit. Im Übrigen kannst Du im Außen nicht vollkommen unabhängig sein – Du bist mit allem verbunden; das Leben ist Interdependenz.

Wirkliche, positive Freiheit bedeutet innerlich frei für etwas Kreatives, Schöpferisches zu sein! Lebe diese Freiheit, Du selbst zu sein mit all ihrer Freude und ihrem Leid; es ist immer beides enthalten. Fühle Dich wieder lebendig und feiere das Leben. Öffne und entfalte Dich. Liebe mehr und nimm an jedem Moment des Lebens wahrhaftig teil!

 

Literaturempfehlungen

Osho (2010): Mut. Lebe wild und gefährlich. Ullstein Verlag, Berlin.

Osho (2014): Freiheit. Der Mut, Du selbst zu sein. Ullstein Verlag, Berlin.

Wolz-Gottwald (2009): Yoga-Weisheit leben. Philosophische Übungen für die Praxis. Via Nova. Petersberg.

Bärr, Eberhard (2015): Vairagya. Über die Losgelöstheit. In: Deutsches Yoga-Forum, Heft 06.

NN: Bewegungsfreiheit. Was das Leid verringert. Viveka 12.

NN: Nagelbrett und Erdbeereis. Über Üben und Seinlassen. Viveka 7.