
Vielleicht kennst Du das: Der Alltag ist vollgepackt, die Tage mit Terminen dicht gedrängt, und irgendwo zwischen Verpflichtungen, Erwartungen und eigenen Ansprüchen geht das Gefühl für die eigenen Bedürfnisse verloren. Gerade wir Frauen haben gelernt, uns selbst hintanzustellen.
Noch kurz durchhalten. Noch schnell für andere da sein. Weiter im Hamsterrad funktionieren. Später dann …
Und währenddessen wächst – oft unbemerkt – eine leise Unzufriedenheit.
Dieser Text ist eine Einladung, wieder in Kontakt zu kommen – mit Deinem Körper, Deinem guten Gefühl, mit dem, was Dich nährt und stabilisiert. Nicht um Dich selbst zu optimieren, sondern aus Selbstmitgefühl.
Besonders in Übergangszeiten braucht Selbstfürsorge Raum. Selbstfürsorge bedeutet manchmal nicht Tun, sondern Lassen: bewusst Nichtstun, Sein mit dem, was gerade ist – auch wenn es unbequem oder unerquicklich erscheint.
Mein Körper und das Leben selbst erinnern mich immer wieder daran, wenn ich darauf vergesse.
Die Übergangsphasen zwischen den Jahreszeiten – in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die Wandlungsphase Erde – laden dazu ein, die eigene Mitte zu stärken.
Magen und Milz sind die zugeordneten Organe und das Zentrum für alles, was wir aufnehmen, annehmen, integrieren, wandeln und verdauen – nicht nur Nahrung, sondern auch Gedanken, Emotionen und Sinneseindrücke und vergangene Erfahrungen.
Sorge ist die Hauptemotion der Erde: das Grübeln über das, was vielleicht kommt, und über das, was hätte anders laufen sollen. Sorge ist ein Signal: Dein Inneres sehnt sich nach Sicherheit, danach genährt, gehalten und getragen zu werden.
Selbstfürsorge bedeutet, achtsam zu spüren, was Dir gerade guttut, was Dich erdet, stabilisiert, aufrichtet – und gleichzeitig bewusst zu ent-sorgen, was Dir Energie kostet: ungute Gedanken, ungesunde Verhaltensmuster, nicht nährende Beziehungen – eine ganzheitliche Gesundheitsvorsorge.
Mehr zum Loslassen von materiellem Ballast, entlastender Ernährung und Medienhygiene findest Du in meinem Blog: Saucha – Detox your life.
Wenn Du Dich Deiner Mitte zuwendest, kannst Du Dir selbst Halt schenken: der Atem wird ruhiger, der Körper aufrechter, das Herz etwas leichter und weiter, der Geist klarer. Die Verbindung zu Dir selbst erlaubt Dir, Dich auch der Welt wohlwollender und mit einem inneren Lächeln zuzuwenden.
Gleichmütig kannst Du Dich dem Leben hingeben und unbeschwert, anstrengungslos sein – ohne etwas verändern, optimieren zu müssen. Entspannte, wohlige Zufriedenheit kann sich einstellen.
Ich selbst habe lange gebraucht, um mich mit der „goldenen Mitte“ anzufreunden. Meine Assoziation mit Mitte war mittelmäßig – und das wollte ich weder sein, noch in meinem Leben haben. Ich fühlte mich in meiner Welt der Extreme erst richtig lebendig: schwarz oder weiß, gut oder schlecht – alles Dazwischen uninteressant. Das war eine aufregende Zeit – aber auch aufgeregt, anstrengend und leidvoll. Eine Lebensphase ohne Selbstmitgefühl.
Zur unausgeglichenen Erde gehören auch Themen wie das Helfersyndrom – das Verlangen, Dich ungebeten einzumischen, weil Du die Dinge, wie sie sind, nicht annehmen kannst. Oder Selbstmitleid – Dich als Opfer zu fühlen, die eigene Verantwortung abzugeben und anderen die Schuld zuzuweisen.
Dahinter steht oft ein bedürftiges inneres Kind, das immer noch nach Liebe und Anerkennung im Außen sucht. Wenn wir Kontakt zu unserer inneren Fülle aufnehmen, entsteht Raum für Heilung und inneren Halt.
Hier bietet sich die yogische Praxis von Abhyāsa und Vairāgya an: Das wiederholte, wohlwollende Hinspüren und Zurückkehren zu Dir selbst (Abhyāsa), verbunden mit dem bewussten Loslassen von allem, was Dich nicht wahrhaftig sein lässt (Vairāgya), schenkt Kraft in der Leichtigkeit.
Selbstfürsorge zeigt sich nicht nur im regelmäßigen Urlaub, kleinen Auszeiten oder auf der Yogamatte. Sie ist in jedem Moment lebbar – in der Art, wie Du atmest, Dich bewegst, isst, denkst, fühlst und Deine Zeit gestaltest.
Bist Du bereit Deinen Alltag und Lebensstil zu reflektieren?
– Wie beginnst Du Deinen Tag?
– Wie nährst Du Deinen Körper? Trinkst Du ausreichend Wasser? Greifst Du zu Suchtmitteln?
– Wie viel und welche körperliche Bewegung schenkt Dir Energie? Wie aufrecht ist Deine Haltung?
– Nimmst Du Dir regelmäßig Zeit zur Selbstreflexion?
– Achtest Du auf Deine innere Haltung, Deine Gedanken und Emotionen? Kennst Du Deine Glaubenssätze?
– Wie ist Deine Einstellung zu Arbeit und Deine Arbeitsweise? Über- oder unterforderst Du Dich?
– Weißt Du, was Dich stresst und kennst Du Deine Reaktionsmuster?
– Wie kannst Du Dich am besten entspannen und regenerieren? Erlaubst Du Dir Mini-Auszeiten?
– Kennst Du Deine Ressourcen und Kraftquellen?
– Wie viel Freiraum hast Du oder nimmst Du Dir und was fängst Du dann mit Dir an?
– Probierst Du immer wieder einmal etwas Neues aus?
– Wie steht es um die Pflege Deiner sozialen Kontakte? Und wie verbringst Du die gemeinsame Zeit mit Dir lieben Menschen?
– Kannst Du um Unterstützung bitten, Geschenke und Komplimente annehmen?
– Kannst Du Dich abgrenzen und Nein sagen?
– Bist Du dankbar für das was Du hast, für die Geschenke des Lebens?
– Wie beendest Du Deinen Tag?
– Wie gut, regelmäßig und entspannt ist Dein Schlaf?
Die entscheidende Hauptfrage dabei ist:
Wie fühlt es sich an?
Lebst Du im Einklang mit Deinen Werten? Gibst Du dem, was Dir wichtig ist, genügend Raum?
Was und wie häufig tust Du etwas ganz bewusst und voller Freude und zwar ohne, dass Du es Dir zuerst verdienen musstest – sondern einfach weil es sich richtig gut anfühlt?
„Ohne Fleiß kein Preis.“ „Wer rastet der rostet.“ „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“
Viele von uns sind mit diesen Sprichwörtern aufgewachsen.
Als Erwachsene können wir uns entscheiden, ob wir weiterhin unhinterfragt danach leben wollen!
Ich zähle zu einer Generation, in der es Anerkennung, „Liebe“ für Leistung gab.
Ich bin es gewohnt, selbständig zu arbeiten und finde mir immer etwas zu tun.
Langeweile ist quasi ein Fremdwort – Erschöpfung eine vertraute Bekannte.
Lange habe ich mein Selbstwertgefühl aus meinem beruflichen Engagement bezogen. Da es mir an Selbstmitgefühl fehlte, war es entsprechend instabil. Neben dem "Weltverbessern" in meinen Zwanzigern und Dreißigern habe ich mich viele Jahre der Selbstoptimierung gewidmet – bis ich mich gefragt habe, ob ich mich selbst nur wertschätzen kann, wenn ich eine hervorragende Leistung erbringe und einen Mehrwert für diese Welt erschaffe.
Diese Erkenntnis hat mich traurig gemacht. So viel Lebenszeit habe ich mit so wenig Wohlwollen mir selbst gegenüber, manche nennen es Selbstliebe, verbracht. Dementsprechend kritisch war ich auch mit meinem Umfeld.
Mein Weg des Yoga hat auch den Entschluss geschärft, dies zu verändern – mit einem klaren Bekenntnis dazu, dass ich das Leben schön finden und genießen darf.
Im ersten Lockdown litt ich noch unter vielen Dingen, die ich als ärgerlich oder unsinnig empfand und die für mich nicht nachvollziehbar waren – die ich also anders haben wollte. Im zweiten Lockdown habe ich mich in der Kunst der Unterscheidung geübt und der Akzeptanz dessen, was ich nicht beeinflussen kann.
Wie nötig ich das hatte, wurde mir im Zuge der Ärgernisse rund um die Eröffnung meines neuen Yoga-Studios bewusst.
Meinen Medienkonsum, insbesondere auch Social Media, schränkte ich wieder drastisch ein. Dafür erlaubte ich mir bewusste Auszeiten.
So bin ich ganz gut durch die Corona-Zeit gekommen, etwa was eine freundliche Wahrnehmung meiner Körperempfindungen, unsinnigen Grübeleien und Gefühle wie Zorn, Traurigkeit oder Zukunftsängste als auch den Mangel an echten, direkten Kontakten betraf.
Völlig frei von Unzufriedenheit, Sorgen und Leid bin ich heute (noch :-) nicht. Auch ich habe so Tage, wo ich mich schon beim Aufwachen unwohl in meiner (mittlerweile faltenreichen) Haut fühle. Da hilft es auch nicht, dass ich meine „hormonellen Befindlichkeiten“ kenne. Grundsätzlich erfahre ich das Wissen und Techniken an der Hand zu haben, um meinen Gemütszustand zu wandeln, als befreiende Selbstwirksamkeit. Hin und wieder empfinde ich dies jedoch weiniger als Ermächtigung, sondern als Belastung. Trotzig will ich dann nicht auf die Yogamatte und wie gewohnt Verantwortung für mein Leben übernehmen. Das Kind in mir sehnt sich manchmal einfach nur danach, liebevoll und mit einem tröstlichen „alles ist gut“ in den Arm genommen zu werden. Wenn früher niemand da war und telefonieren keine Option, kullerten schon mal zornig-traurige Tränen. Es folgte großes Drama.

Heute kann ich mich innerhalb kurzer Zeit selbst mitfühlend in den Arm nehmen, probiere es etwa mit einer Genussdusche und einem gutem Frühstück. Bleibt inhaltliches Arbeiten dann unfruchtbar und fühle ich mich zu erschöpft für meine geliebte Bewegung in der Natur, dann gibt es nur noch eins zu tun: nämlich Nichtstun!
Ich mache es mir am Sofa gemütlich oder setze mich vorzugsweise in die Sonne, lausche dem Vogelgezwitscher und schaue sehr gerne aufs Wasser. Ich erlaube mir, mit all meinen Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken zu sein – möglichst ohne zu urteilen, zweckfrei und mit Selbstmitgefühl. In der Meditation erlaube ich mir, genau dort zu sein, wo ich bin, und desgleichen der Welt genau so zu sein, wie sie in diesem Augenblick ist.
Nach innen Lauschen und sich mit dem Leben verbinden ist gewissermaßen ein süßes Tun im Nichtstun – Meditation.
Und siehe da, nach geraumer Zeit fühle ich mich „leichter“ – Klarheit, neue Energie und Lebensfreude stellen sich langsam, aber sicher, wieder ein.
Die Akzeptanz des Moments, so wie er jetzt ist, schafft tatsächlich die Grundlage für Transformation.
Wann hast Du das letzte Mal inne gehalten und einfach nichts getan – und zwar ohne, dass Du Dich dabei schuldig oder faul gefühlt hast?
Damit ich mehr wohltuende Momente des Nichtstun in mein Leben integriere, schenkt mir das Leben immer wieder eine Lektion oder Erfahrung. Etwas als ich mir einen Muskelfaserriss zuzog – nein, nicht bei einer besonders akrobatischen Asana. Nachdem ich zuvor lange am kalten Boden gesessen bin, habe ich mich zu schwungvoll mit einem Bein in den stehenden Spagat nach einem Kissen gebückt, dabei denke ich mir noch, uihhh, das schwingt aber heute hoch hinaus. Schon vernehme ich ein grässlich knackendes Geräusch und einen stechenden Schmerz – und intuitiv wusste ich, da ist was kaputt gegangen; folgenreich mit sechs Wochen Schonungszeit.
Was hätte ich mich in der Vergangenheit über mein Missgeschick, meine Unachtsamkeit geärgert.
Aber, helfen Selbstvorwürfe im Schmerz? Natürlich nicht, also frage ich mich lieber, wozu es gut sein kann?
Abgesehen vom erzwungenen Nichtstun nehme ich dies als Anlass, endlich ein Jahrzehnte altes, ungesundes Muster zu verändern: Ich sitze oft stundenlang und ohne Pause am Schreibtisch, um zu recherchieren, zu lesen und zu schreiben. Vollkommen vertieft in der Sache vergesse ich die Zeit – bis sich der Hunger, mein unterer Rücken oder Nackenverspannungen melden.
Mein Yogatherapielehrer pflegt zu sagen:
„Wer länger sitzt, ist früher tot.“
Möge es gelingen, mir Mini-Auszeiten zu gönnen: aufstehen, den Körper rekeln und strecken, kurze Wirbelsäulen-, Atem- oder Augenübungen oder eben ein paar Minuten Nichtstun.
Welche Gewohnheit möchtest Du verändern?
Reflektiere: Was bedeutet für Dich Selbstfürsorge?
Was kannst Du konkret verändern, tun oder lassen, um mehr Selbstfürsorge in Deinen Alltag zu integrieren – Schritt für Schritt?
Was motiviert Dich dazu, gut für Dein körperliches und psychisches Wohlbefinden zu sorgen?
Was hindert Dich noch daran?
Starte mit einer kleinen Verhaltensänderung und wiederhole sie regelmäßig, damit sie zur Gewohnheit werden kann.
Rufe Dir immer wieder in Erinnerung, wie Du Dich mit Dir in diesem, Deinem Leben fühlen möchtest!
Gelebter Yoga, also über die formelle Praxis auf der Matte hinaus, ist umfassende Selbstfürsorge und noch viel mehr: Eine Möglichkeit, Achtsamkeit, Präsenz, Wahrhaftigkeit, Wohlwollen, Dankbarkeit und Lebensfreude zu kultivieren – im Bewusstsein der Verbundenheit.
Du lernst, Deine eigenen Potentiale, Bedürfnisse, Körperempfindungen, Gedanken und Emotionen wahrzunehmen – und zwar nicht erst, wenn es eine Ärztin braucht – und diese freundlich anzunehmen.
Du richtest Dich immer wieder auf ein gutes Gefühl mit Dir selbst aus; gepaart mit einer achtsamen und gleichmütigen inneren Haltung. Du übst, offen und voller Vertrauen in Deine eigenen Ressourcen, und mit zunehmender Erfahrung generell in das Leben, ins Unbekannte zu gehen.
Die ethisches Richtlinien (Yamas und Niyamas) schenken Dir Orientierung auf diesem Weg.
So schaffst Du Schritt für Schritt ein immer stabileres Fließgleichgewicht, nicht nur um mit Stress und den Herausforderungen des Lebens besser umgehen zu können, sondern auch um Deiner Mitwelt wohlwollend und nachsichtig begegnen zu können.
Gerne unterstütze ich Dich dabei!
Erstveröffentlichung: 29. April 2021, Aktualisierung: work in progress Februar 2026